Buchrezension: Allein - Daniel Schreiber

Ein Beitrag von Kathrin Mengis

Können Freundschaften eine Antwort auf den Sinnverlust in einer krisenhaften Welt sein? ALLEIN - der Titel ziert in großen Buchstaben das Cover des Buches von Daniel Schreiber. Es scheint fast so, als wollen die Buchstaben einen anschreien, herausfordern, provozieren. Man kann sich dem Wort nicht entziehen, intuitiv tauchen Gedanken auf, die mit dem Wort ‘Allein‘ verknüpft werden. Es ist ein Phänomen, das wir alle kennen.


Wie auch Daniel Schreiber in seinem Buch scharfsinnig beobachtet, herrscht in unserer Gesellschaft ein gewisses Tabu Rund um das Thema Einsamkeit. Es wird nicht darüber gesprochen. Der Schein wird angestrengt bewahrt, dass doch alles in Ordnung sei. Der technologische Fortschritt macht es möglich sich mit einem kurzen Griff zum Smartphone mit der ganzen Welt zu verbinden. Das Leben wird jederzeit mit FreundInnen geteilt und im Gegenzug gibt es eine schnelle Reaktionen in Form von Herzchen- oder Daumen-Hoch-Symbolen. Doch die digitalen Herzchen scheinen kein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen - Digitale Einsamkeit und kollektive Unverbundenheit ist das große Thema unserer Zeit.


Dieses Problem hat schwerwiegende Folgen für unsere Gesellschaft. Einsamkeit ist genauso schädlich für die Gesundheit wie das Rauchen einer Schachtel Zigaretten am Tag (Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB 2010). Die Einschränkungen der Corona-Krise haben die Probleme schwerwiegend verstärkt. Genau bei diesem Phänomen setzt auch Daniel Schreiber an: Schonungslos ehrlich und persönlich beschreibt er, wie er sich durch die Auswirkungen der Pandemie dem Gefühl Einsamkeit ausgesetzt gefühlt hat und wie die Krise sein Leben völlig aus dem Gleichgewicht brachte.


Photo by Toa Heftiba

Dabei stellt er die kluge These auf, dass das Phänomen 'sich einsam zu fühlen' nicht zwangsläufig mit dem Faktor ‘allein leben‘ zusammenhängen muss. Oder einfach gesagt: „Einsamkeit lässt sich, mit anderen Worten, nicht aufgrund des Fehlens einer Liebesbeziehung diagnostizieren, auch die vielen anderen sozialen Bindungen im Leben sind in der Lage, unser Bedürfnis nach Nähe zu stillen" (Schreiber 2021: 61).


Das Buch ist jedoch alles andere als eine reine Schilderung der persönlichen Wahrnehmung der Lebenswelt des Autors während des Lockdowns. Flink wechselt Schreiber vom Privaten ins Gesellschaftspolitische. Das Buch rühmt sich mit einer beachtlichen Literaturliste und greift auf philosophische und soziologische Studien zurück. Da wäre zum Beispiel die soziologische Harvard Grant Study, die bereits seit 1938 die mentale und körperliche Gesundheit von einigen hundert Harvard-Absolventen verfolgt und hervorbrachte, dass innige, zwischenmenschliche Beziehungen ein Hauptindikator für eine hohe Lebensqualität sind (George E. Vaillant 2012). Gesunde Beziehungen helfen uns, zu dem Menschen zu werden, der wir sind, zu uns zu stehen, uns zu entdecken. Dazu zählen eben nicht nur verwandtschaftliche oder partnerschaftliche Beziehungen. Wohltuende Beziehungen verändern unser Selbstbild: Sie zeigen uns positive, wertvolle und sympathische Züge an uns, die vorher noch nicht hervorgehoben worden waren. Sie geben uns aber auch Mut. Das kann der Mut sein, zu einer anderen Meinung zu stehen, etwas Neues zu lernen oder stärkende Rituale einzuführen, die uns Halt geben. Von der stabilisierenden Wirkung geteilter Alltagsrituale mit FreundInnen berichtet auch Daniel Schreiber in seinem Buch:

„Wie der Soziologe Janosch Schobin darlegt, sorgen erst die Ordnung und die wiederkehrenden Rythmen des Alltags für die Fiktion, dass es immer so weitergehe wie bisher, für die „Unendlichkeitsfiktion“ einer sicheren Zukunft. Die Veralltäglichung unserer Beziehungen gibt uns mit anderen Worten ein Gefühl von Verlässlichkeit und Stabilität.“ (Schreiber 2021: 88)

Im Kontrast dazu stehen die Anforderungen an den Menschen in der modernen Welt. Häufig werden bei den vielen Verpflichtungen und Anforderungen die Beziehungen zurückgestellt und beim Blick in das Literaturverzeichnis macht sich mit einem Schmunzeln der Gedanke breit, dass eine Person, die so viel liest, zwangsläufig viel Zeit allein verbringen muss. Das Leben des Autors ist jedoch alles andere als ein Leben, welches Allein gelebt wird. Da gibt es das gemeinsame Gartenprojekt im Berliner Umland, das traditionelle Weihnachtsfest mit der Familie seiner ältesten Freundin auf dem Land, die jährlich wiederkehrenden Urlaube mit seinen zwei Freunden aus der Universität, das geteilte Abonnement für die Berliner Philharmoniker mit neuen Bekannten.


„Es sind Freundschaften, die mein Leben strukturieren. Es sind Freundinnen und Freunde, mit denen ich es teile.“ (Schreiber 2021: 18)


Mit der Resilyou-App werden die beiden Elemente Strukturierung des Alltags durch Rituale und die stabilisierende Wirkung des Teilens der Alltagsrituale mit FreundInnen in einer digitalen Form zusammengeführt werden, um den Menschen selbst in isolierten Zeiten und Krisen Möglichkeiten der Begegnung zu schaffen und präventiv stabilisierende Rituale zu etablieren und aufrecht zu erhalten.


Quellen:


Schreiber, Daniel (2021): Allein, Hanser Berlin.


Vaillant, George E. (2012): The men of the Harvard Grant Study, London.


Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB (2010): Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Med 7(7): e1000316.




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