Buchrezension: "StehaufMensch!" - Was macht uns stark?

Ein Beitrag von Kathrin Mengis

Krisen und Zeiten, die dich herausfordern, kommen nicht immer in Form einer weltweiten Pandemie. Eines haben jedoch alle Krisen gemeinsam: Sie kommen unerwartet und sorgen dafür, dass das Leben auf dem Kopf steht. So erging es auch Samuel Koch, der bei “Wetten, dass..?” einen schweren Unfall erlitt, und seitdem querschnittsgelähmt ist. Dieser Einschlag in sein Leben stellte ihn vor große Herausforderungen. Trotzdem ist er voller Lebensmut und warum? Genau darum geht es in seinem Buch “StehaufMensch!”.


Der Untertitel “(K)ein Resilienzratgeber” verrät den kritischen Charakter des Buches. Obwohl es in der Buchhandlung in der Psychologie Abteilung zwischen den klassischen Ratgebern und Fachbüchern zum Thema Resilienz steht, so hebt es sich doch durch einen persönlichen und humorvollen Charakter ab. Wer das Buch deshalb jedoch in das Genre 'Erlebnisroman' abstuft, liegt falsch. Der Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther unterstützt Samuel Koch auf der Suche nach der "Stehaufkraft" der Menschen. Er vertritt die These, dass die Ursache für die Mehrzahl der Störungen nicht nur im Gehirn der betreffenden Personen, sondern in inneren Einstellungen und Überzeugungen zu finden sind. Er versteht sich als „Brückenbauer“ zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher bzw. individueller Lebenspraxis und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz in seiner Hirnforschung.


Resilienz - Was verstehen wir eigentlich darunter? Mit dieser Frage steigt Samuel Koch in sein Buch ein. Dies geschieht nicht, um nach einem klassischen Ratgeber-Prinzip erstmal die Definition abzuklappern, um anschließend systematisch einen Zehn-Schritte-Plan zu präsentieren, damit am Ende alle LeserInnen resilienter werden. Vielmehr setzt er sich kritisch mit der gegenwärtigen Vermarktung des Phänomens "Resilienz" auseinander. Dabei lässt er kein gutes Haar an klassischen Ratgeber-Formaten, die vor positiver Selbstmanipulation triefen und mit Ratschlägen um sich werfen wie “Du musst es nur wollen” oder “Du musst nur dran glauben” (Koch 2019: 25). Menschen, die mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen haben, können mit einem simplen Input-Output-Denken nicht viel anfangen. Die gut gemeinten Ratschläge sind dann schnell mehr Schlag als Rat, so das Urteil des Autors.


Also das Buch am besten wieder weglegen, alle Resilienz-Übungen aus dem Kalender streichen und sich auf eigene Faust durchs Leben kämpfen? Mit der stillen Hoffnung, dass man für eine eventuelle Krise genug gewappnet ist? Ganz so radikal ist sein Ansatz doch nicht. Nicht alles muss man aus eigenen Fehlern oder Krisen lernen. So kann man auch aus den Situationen lernen, wo fast etwas passiert wäre oder man akzeptiert die Erfahrung anderer Menschen und lernt aus deren Krisen. So ist zum Beispiel die Erfahrung früherer Generationen eine wertvolle Lernquelle. Eine besonders gute Quelle von Erfahrung sind Menschen, die viel in ihrem Leben riskiert und erlebt haben. Diesen Ansatz verfolgt auch Samuel Koch:


“Wenn es für die ganz harten Fragen Antworten gibt - wenn Juden sogar während und nach dem Holocaust für sich Antworten gefunden haben auf die große Frage: “Wozu das alles? Warum weitermachen?”, dann könnten diese doch auch für die kleinen gelten. Wenn jemand eine schmerzhafte Erfahrung in etwas Positives umwandeln kann, lohnt es sich meiner Erfahrung nach immer, gut hinzuhören.” (Koch 2019: 28).

Genau deshalb ist das Buch so lesenswert, da Samuel Koch genau das geschafft hat: sich ins Leben zurück zu kämpfen! Die Frage bleibt: Was gibt Menschen wirklich die Kraft, immer wieder aufzustehen? Kann man Resilienz lernen und wenn ja, braucht es dazu vielleicht andere Ansätze als bisher gedacht? Klar wird, wer sich nur um sich selbst dreht und nur die eigene Optimierung im Blick hat, kommt nicht weit. Genau darin sieht er auch das Problem in vielen Ratgebern: Es geht darin immer um Selbstoptimierung, Um mich, mich und mich.


Dabei sieht er Beziehungen als eine der wichtigsten Kraftquellen.

Photo by Toa Heftiba

“Das Wichtigste beziehungsweise das Einzige, das mir nachhaltig Kraft gibt, mich antreibt, motiviert, immer wieder aufstehen lässt.. ist eben genau das, was über mich hinausweist. Ich brauche als Antriebskraft etwas, das größer und wichtiger ist als ich selbst.” (Koch 2019: 30).

Das ließ uns beim Lesen besonders aufhorchen, schließlich verfolgen wir diesen Ansatz bei Resilyou mit dem Growbuddie-Konzept. Gemeinsam kommst du mit deinem Growbuddy in eine neue Routine. Ihr tauscht euch aus und wachst zusammen über euch hinaus. Lässt du das Training gerade schleifen, so übernimmt dein Growbuddy den ersten Schritt. Du entwickelst eine Motivation an deinen inneren Einstellungen zu arbeiten, die über dich hinausgeht. Egozentrik und Egoismus gelten in unserer Gesellschaft fast schon als Tugenden. Im Gegensatz dazu stehen die aktuellen Erkenntnisse, dass junge Erwachsene ein Bedürfnis nach tiefen Beziehungen und persönlichem Wachstum verspüren. Für sich und für andere sorgen ist eine Fähigkeit, die mit Resilyou gestärkt werden kann. Mit diesem gemeinschaftlichen Ansatz wäre vermutlich auch Samuel Koch zufrieden auf seiner Suche nach der "Stehaufkraft" der Menschen.



Buchangabe:

Samuel Koch: StehaufMensch!: Was macht uns stark?, Adeo 2019.


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