Was ist resilyou? – ein Interview

Aktualisiert: Juli 9

Von David


Wir treffen uns im Haus zur Perle der Evang.-ref. Kirche des Kantons St.Gallen in der Cafeteria. Neu im Betrieb mit dabei, will ich alles wissen und verstehen, worum es bei Resilyou im Detail geht. In der Vermutung, dass ich nicht der einzige bin, den die Hintergründe rund um resilyou interessieren, habe ich meine Fragen und Meikes Antworten im folgenden Interview strukturiert und gebündelt:


David: Hi Meike, schön, dass du dir Zeit nimmst.

Meike: Hey David, sehr gerne.


Ich würde vorschlagen, wir legen gleich los, schliesslich haben wir einige Fragen vor uns. Wie ist denn überhaupt die Idee zu resilyou entstanden?

Wir waren ein 4-köpfiges Team von HSG-Studierenden, das einen Design-Thinking-Kurs absolvierte. Im Kurs arbeiteten wir mit einem Praxispartner zusammen, in unserem Fall der Evang.-ref. Kirche des Kantons St.Gallen. Die Kirchenvertreter stellten uns eine schwierige Aufgabe: Wir sollten eine Antwort auf die herausfordernde Frage finden: «Wie kann die Evang.-ref. Kirche des Kantons St.Gallen junge Erwachsene im Sinne einer aus ihrer persönlichen Sicht gelungenen Lebensgestaltung begleiten», . Wir begannen mit einer Reihe von Interviews mit jungen Erwachsenen, um herauszufinden, was sie überhaupt unter einem «gelungenen Leben» verstehen.Basierend auf den ersten Erkenntnissen bauten wir Lösungs-Prototypen, um das Problem noch besser zu verstehen und Lösungsansätze zu testen. Dabei fanden wir heraus, dass junge Erwachsene u.a. zwei Wünsche haben: Sie möchten persönliches Wachstum erleben und Freundschaften pflegen. Wir brainstormten also diverse Ideen, wie wir diese Bedürfnisse in der Begleitung berücksichtigen können und landeten so über mehrere Iterationen hinweg bei der Idee, eine Resilienz-Trainingsapp für junge Erwachsene zu entwickeln. Also entwickelten wir einen ersten resilyou-Prototypen, den wir dann mit etwa 100 Personen testeten und viele wertvolle Erkenntnisse daraus ableiteten. Anschliessend war der Kurs zu Ende und es stellte sich die Frage, wie es mit dem Projekt weitergeht. In einer Präsentation konnten wir den Kirchenrat überzeugen, das Projekt weiterzuverfolgen und ein Budget für eine dreijährige Weiterentwicklung zur Verfügung zu stellen.


In diesem Rahmen wurdest du ja dann von der Kirche angestellt und hast seither das Projekt weiterentwickelt. Was ist denn der aktuelle Stand von resilyou?

Genau, ich habe in den letzten Monaten viele Gespräche mit jungen Erwachsenen, Appentwickler:innen, Psycholog:innen und anderen Resilienzexpert:innen geführt, um meine Vorstellung unseres Produkts zu schärfen und unser Konzept weiterzuentwickeln. Zudem habe ich mich auch mit diversen organisationalen, technologischen und rechtlichen Fragen auseinandergesetzt. Vor Kurzem haben wir dann nach einem Redesign unsere neue Website live geschaltet und aktuell sind wir daran, erste Trainingspläne für resilyou zu entwickeln und zu testen. Seit gestern ist der erste auf unserer Website gratis zum Download verfügbar. Gleichzeitig treiben wir das Marketing voran und starten die technologische Entwicklung unserer App. Schon in wenigen Monaten wird sie zu Testzwecken gratis zur Verfügung gestellt werden.


Resilyou ist bei weitem nicht die einzige Resilienz-Trainingsapp auf dem Markt. Gerade im letzten Jahr ist die Zahl der Angebote förmlich explodiert. Was macht denn nun resilyou anders oder besser als alle anderen?

Wie ich bereits vorhin angedeutet habe, wollen wir nicht nur Resilienz trainieren, sondern auch Freundschaften stärken und vertiefen. Deshalb ist der grösste Unterschied von resilyou zu anderen Apps, dass man nicht allein, sondern zu zweit trainiert. Wir nennen dieses Konzept den Growbuddy. Es ist abgeleitet vom Gymbuddy, wenn man also zu zweit im Fitnesscenter ist und seine Muskeln stählt. Wenn man zu zweit trainiert, ist man motivierter, hat mehr Spass und kann sich gegenseitig reflektieren. Wir haben herausgefunden, dass das sowohl für das körperliche wie auch für das geistige Training bzw. Resilienztraining gilt. Ausserdem möchten wir uns über interaktive Notizen- und Chatbotfunktionen differenzieren. Die einzelnen Elemente davon finden sich zwar auch bei anderen Apps, aber nicht in ihrer Kombination.




Du hast vorhin erwähnt, dass es bei resilyou Trainingspläne gibt. Wie funktioniert denn nun das Training mit resilyou?

Das Training mit resilyou ist nach Trainingsplänen strukturiert, die jeweils ungefähr vier Wochen dauern. Ein Trainingsplan beinhaltet mehrere Übungen, wobei zwischen drei Arten von Übungen unterschieden wird: Ritualen, Me-Times und Deep Talks. Ein Ritual ist eine kurze, tägliche Übung, die man meist zu zweit macht bzw. die Ergebnisse miteinander austauscht. Als Me-Times bezeichnen wir individuelle geführte Reflexionszeiten, in welchen man theoretischen Input erhält, über das Ritual nachdenkt oder sich mit einem bestimmten Thema auseinandersetzt. Unter Deep Talks schliesslich verstehen wir gemeinsame Austauschzeiten zu zweit. Dabei reflektiert man über die Rituale und die Me-Times und vertieft die gemeinsame Freundschaft, indem man sich verletzlich zeigt. Während das Ritual täglich stattfindet und maximal fünf Minuten dauert, führt man Me-Times und Deep Talks abwechselnd ungefähr wöchentlich durch. Dabei ist zu beachten, dass jeder Deep Talk und jedes Me-Time anders ist, wohingegen das Ritual innerhalb eines Trainingsplans immer das gleiche ist. Viele dieser Übungen können auch einzeln durchgeführt werden, innerhalb des Trainingsplans wird jedoch ihre Wirkung maximiert.


Nehmen wir an, resilyou wird ein voller Erfolg und du bist in fünf Jahren am Ziel deiner Träume. Wie sieht diese Zukunft aus und welche Rolle spielt resilyou darin?

Vielleicht beginnen wir am besten mit unserer Vision: Wir wünschen uns eine Gesellschaft, welche von Echtheit und Verbundenheit geprägt ist. Wir möchten immer besser werden, uns aber gleichzeitig voll als unvollkommene Menschen akzeptieren können. Dabei wollen wir uns selbst sein und uns nicht verstellen müssen. Wir nutzen Technologie, sehen sie aber nicht als Ersatz für persönliche Beziehungen, sondern als Ergänzung und Verstärker dafür. Schliesslich sehnen wir uns nach qualitativ hochwertigen Freundschaften und Beziehungen. Wir träumen von einer Zukunft, in welcher diese Dinge Realität werden und glauben, dass wir als resilyou einen wichtigen Beitrag dazu leisten und gleichzeitig psychischen Krankheiten vorbeugen können. In fünf Jahren möchten wir gerne flächendeckend im deutschsprachigen Raum auf den Smartphones von jungen Erwachsenen vertreten sein und auch international einige Länder erreichen.


Das klingt ambitioniert! Gerne möchte ich noch das eine oder andere über die wissenschaftlichen Hintergründe von resilyou erfahren. Du bist ja keine Psychologin...

Grundsätzlich stammen unsere Übungen und Trainingspläne aus der Forschung zur positiven Psychologie. Wir nehmen Forschungsergebnisse und -einsichten und adaptieren sie für das Training zu zweit. Du hast aber recht, ich selbst bin keine Psychologin. Allerdings haben wir im Hintergrund einige Fachpersonen, Psycholog:innen, Psychiatr:innen und Psychotherapeut:innen, welche unsere Trainingspläne durchlesen und absegnen und uns dadurch unterstützen, die wissenschaftliche Qualität unserer Übungen zu garantieren. Gerade jetzt sind wir wieder daran, neue Fachpersonen für unseren Beirat zu suchen. Dabei hilft uns das Netzwerk der Evang.-ref. Kirche des Kantons St.Gallen. Zudem überprüfen wir den wahrgenommenen Nutzen unserer Übungen bei unseren Usern, indem wir sie regelmässig befragen. Wir wollen von ihnen u.a. wissen, wie sich ihre Gefühlslage kurz- und langfristig durch das Training mit resilyou verändert. In naher Zukunft sollen User auch selbst Übungen oder sogar Trainingspläne erstellen können. Viele Menschen pflegen ja bereits die eine oder andere Gewohnheit, die ihnen guttut. Es wäre doch grossartig, wenn sie diese über Resilyou mit anderen teilen könnten, denn was ihnen hilft, hilft womöglich auch anderen. Natürlich werden wir diese Übungen dann noch von Expert:innen absegnen lassen.


Du hast es gerade erwähnt: Resilyou ist ja Teil der Evang.-ref. Kirche des Kantons St.Gallen. Manche Menschen könnten Angst haben, sie würden missioniert, wenn sie ein Angebot der Kirche nutzen. Was entgegnest du solchen Einwänden?

Von Beginn weg bestand das Ziel der Kirche darin, mit der Lösung junge Menschen unabhängig ihrer Religion ansprechen zu können, sozusagen als Service Public und ohne missionarischen Hintergedanken. Manche aus unserem damaligen Studierendenteam glaubten den Kirchenvertretern ursprünglich nicht, doch immer mehr merkten wir, dass sie es wirklich so meinen. Da wir aber feststellten, dass die Erwähnung der Kirche bei vielen jungen Erwachsenen Emotionen auslöst – sowohl negative wie auch positive – haben wir uns entschieden, die Kirche auf all unseren öffentlichen Kanälen nur am Rande zu erwähnen. Resilyou soll nämlich religionsunabhängig verwendet werden können. Daher haben wir auch darauf verzichtet, bei resilyou ein explizit christliches Gedankengut zu verbreiten. Vielmehr verlassen wir uns auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Aber natürlich vertreten wir gewisse Werte wie etwa Verletzlichkeit und die Würde eines jeden Menschen, die auch für die Kirche eine zentrale Rolle spielen.


Wir kommen bereits zur letzten Frage: Was war bisher dein persönliches Highlight bei der Arbeit an resilyou?

Das Coole an resilyou ist ja, dass ich selbst zur Zielgruppe gehöre. Daher habe ich die Möglichkeit, unsere Übungen gleich selbst zu testen. So habe ich nun vor einigen Monaten begonnen, mit einer Freundin zusammen ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. Wir haben dafür extra einen separaten Whatsapp-Chat eingerichtet und schreiben uns nun jeden Tag drei Dinge, für die wir dankbar sind. Hin und wieder telefonieren wir auch miteinander und tauschen uns über unsere Tagebucheinträge aus. Ich finde es wirklich erstaunlich wie sich einerseits meine Perspektive aufs Leben, aber besonders auch unsere Freundschaft in den letzten Monaten verändert hat. Dadurch, dass man jeden Tag miteinander schreibt, entsteht eine tiefe Verbindung und man bekommt viel mehr aus dem Leben des anderen mit, als man es sonst würde. Ich bin mega begeistert davon und freue mich sehr darauf, auch die ganzen anderen Übungen auszuprobieren.


Das ist doch ein gutes Schlusswort. Vielen Dank für die umfangreichen Antworten. Dann wünsche ich dir nun eine gute Kaffeepause.

(lacht) Das wünsche ich dir ebenfalls.




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